Interview zum Abschied von Pfarrer Andreas Kahnt (ungekürzt)

(Foto: Hanna Nowack)

Haltepunkte: Andreas, 15 Jahre hast Du in der Kirchengemeinde Zetel dein Amt als Gemeindepfarrer versehen. Viel hast Du ins Leben gerufen. Was lag Dir besonders am Herzen?

 

A. Kahnt: Es ist schwer, diese Frage zu beantworten. Während meiner Zeit als Pastor dieser Gemeinde ergaben sich immer wieder neue Fragen und Herausforderungen, teils aufgrund von Wünschen und Notwendigkeiten in der Gemeinde, teils aufgrund von Veränderungen in unserer Oldenburgischen Kirche. Ich habe versucht, möglichst viele Herausforderungen aufzugreifen und mit anderen darüber nachzudenken, wie sie umgesetzt werden können. Die Menschen, die mit mir auf den verschiedenen Wegen durch fünfzehn Jahre unterwegs waren, sind mir dabei sehr wichtig geworden und ans Herz gewachsen. Es kam also nicht so sehr darauf an, was verwirklicht werden konnte, sondern dass Gemeindeglieder und solche, die es aufgrund verschiedener Aktionen wurden, zum Leben dieser Gemeinde beitrugen – und das waren sehr viele!

Aber ich möchte der gestellten Frage nicht ausweichen. Wenn es um Themen und Aufgabenfelder geht, so möchte ich zunächst den Gottesdienst nennen, und zwar in allen seinen Ausprägungen alltags und an Sonntagen und Feiertagen, ob mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, mit Traurigen oder Fröhlichen, Nachdenklichen oder Ausgelassenen, in Zetel oder bei und mit den Nachbarn in der Friesischen Wehde. Damit hängen natürlich die Veränderungen in unserer St. Martins-Kirche zusammen, die durch das Projekt „Offene Kirche“ notwendig geworden sind. Unsere Kirche hat sich zu einem einladenden Raum für Gebet, Meditation und Entdeckungen entwickelt, und das hat auch Auswirkungen auf die Intensität des Gottesdienstlebens. In diesem Zusammenhang möchte ich den Theologischen Arbeitskreis nennen, der sich aus einem Ausschuss des Gemeindekirchenrates entwickelt hat und Mitverantwortung für das Gottesdienstleben in unserer Gemeinde übernommen hat. Sorge bereitet mir allerdings die Pflege des Erreichten. Hier bedarf es eines gut überlegten Konzeptes, das ohne ehrenamtliches Engagement nicht möglich sein wird. Wenn die Kirche als Ort der Einkehr, der Begegnung und des Gottesdienstes aus dem Blickfeld der Aufmerksamkeit gerät, verliert die Gemeinde ihre Mitte. Gerade diese Mitte lag mir immer besonders am Herzen, ob in der Feier der Osternacht oder am Tag des offenen Denkmals, ob bei Konzerten oder beim Bittgottesdienst für den Frieden in der Welt, ob beim Erntedankfest oder beim Weltgebetstag, um nur einige zu nennen.

Natürlich kann sich eine Gemeinde auch andere Orte der Feier und der Begegnung suchen. Das habe ich von Anfang an befürwortet, denken wir nur an den gemeinsamen Gottesdienst an Himmelfahrt, an die Sommerkirche, an den Treckergottesdienst, den Gottesdienst im Freibad, an den Gottesdienst zum Abschluss der Friesland-Brass-Akademie, an den Sterntalergottesdienst oder an den Zeltgottesdienst zum Zeteler Markt.

Die Gemeinden der Friesischen Wehde sind in den Jahren meines Dienstes enger zusammengewachsen und der Kontakt zu Vereinen und initiativen Gruppen ist selbstverständlich geworden. Das wird nicht zuletzt deutlich an der Notfallseelsorge, die auf Drängen der Freiwilligen Feuerwehr Zetel aufgebaut wurde und zu einem wichtigen Dienst im Südkreis Friesland geworden ist. Und ich möchte nicht vergessen, die Offenheit der politischen Gemeinde Zetel zu betonen. Von Anfang an durfte ich in einem äußerst angenehmen Klima des Vertrauens die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Rat und Verwaltung suchen und pflegen. Vieles wäre ohne dieses Zusammenwirken nicht möglich gewesen. Wenn wir nun am Ende meiner Zeit in Zetel die Friedhofskapelle mit ihren Nebenräumen renovieren und teilweise verändern, dann ist auch dies ein Zeichen der guten Zusammenarbeit, die sich auf den Gemeindekirchenrat und die Mitarbeitenden im Kirchenbüro erstreckt. Kirche am Ort und Kirche für den Ort, so habe ich meinen Dienst immer verstanden – und wieder sind es die vielen Menschen, die sich mit eingesetzt haben und ohne die ich nichts hätte ausrichten können. Das gilt auch und besonders für meine Familie und für die Dienstgemeinschaft der Mitarbeitenden in den verschiedenen Arbeitsbereichen der Gemeinde.

Wenn ich nun weitere Aufgaben nennen soll, die mir besonders am Herz lagen, dann muss ich unbedingt die Konfirmandenzeit erwähnen. Die Vorbereitung der jungen Leute auf die Konfirmation hat mir immer Freude gemacht. Jeder neue Jahrgang war eine Herausforderung, aber die Jugendlichen sind mir alle ans Herz gewachsen, auch und besonders die, die mich durch ihre Persönlichkeit oder ihre besonderen Fragen an das Leben und an den Glauben als Pastor und Lehrer in Anspruch genommen haben.

Und den Hospizdienst Friesische Wehde muss ich erwähnen. Aus kleinen Anfängen ist ein selbständig und verantwortungsvoll wirkender Kreis engagierter Menschen geworden, der sich nicht scheut, anderen in Grenzsituationen des Lebens beizustehen. Diesen Dienst mit aufgebaut haben zu dürfen, erfüllt mich mit großer Freude!

Und auch die Blechbläserarbeit darf nicht fehlen. Als ich nach Zetel kam, konnten sich allenfalls einige Gemeindeglieder daran erinnern, dass es einmal einen Posaunenchor gegeben hatte. Die Beharrlichkeit einiger Weniger führte dann dazu, dass die Blechbläserarbeit von Grund auf neu errichtet wurde mit einem Posaunenchor der Kirchengemeinden Zetel und Neuenburg, einer aktiven Nachwuchsförderung und einer Brassbandarbeit, die inzwischen bundesweit ausstrahlt. Die Förderung junger Musikerinnen und Musiker lag mir immer besonders am Herzen, ob bei den Blechbläsern, bei den Oboenschulungen oder den Percussionisten.

Schließlich möchte ich auch den Kreis der „Älteren Generation“ nicht vergessen, mit dem ich viele schöne, eindrucksvolle und beglückende Erlebnisse teilen durfte. Die Lebenserfahrung, der Lebensmut und der zuversichtliche Glaube vieler Senioren haben mich ermutigt und gestärkt.

Aber noch einmal: Ohne die vielen offenen und zugewandten Menschen in der Gemeinde und drum herum wäre vieles nicht möglich gewesen. Die Inspiration kam zumeist von anderen; ich durfte hören, aufgreifen und je nach Notwendigkeit helfen, etwas zu verwirklichen. Manches hat Bestand, anderes hatte seine Zeit, nichts war umsonst.         

 

Haltepunkte: Gab es auch Dinge, die Du Dir anders gewünscht hättest?

 

A. Kahnt: Es wäre seltsam, wenn es nicht so wäre! Tatsächlich gibt es einiges, was sich nicht verwirklichen ließ. Es hier jedoch noch einmal aufzurollen, erscheint mir müßig. Deshalb möchte ich es bei einigen Stichworten belassen. Ehrenamt ist so ein Stichwort. Es war häufig schwer, für bestimmte Projekte genügend Gemeindeglieder zu gewinnen, die mit anpacken. Dadurch blieb zuviel an den Mitgliedern des Gemeindekirchenrates hängen, obwohl doch die Kirchenältesten ohnehin schon ein umfangreiches Ehrenamt ausüben. Dabei wäre es viel einfacher, wenn mehr Menschen sich beteiligten, und zwar je nach Neigung und Fähigkeit, aber auch nach den Bedürfnissen, die in einer Gemeinde angefragt sind. Und nicht alles muss übers Pfarramt laufen! Ehrenamtlichkeit kann ich mir gut viel selbständiger vorstellen, wie es in manchen Bereichen ja auch geschieht.

Ein anderes Stichwort ist der Gottesdienst. Natürlich könnten immer mehr Gemeindeglieder den Gottesdienst mitfeiern, das war schon immer so. Wenn es aber in einer so großen Gemeinde nicht möglich ist, einen Kindergottesdienst am Leben zu halten, und wenn gelegentlich neben fünfzig Konfirmanden lediglich fünf bis zehn Erwachsene zum Gottesdienst kommen, dann stimmt etwas nicht, dann fehlt ein lebendiges Vorbild für unsere Kinder und Jugendlichen und der Gottesdienst als Ort für die gemeinsame Feier der Liebe Gottes unter uns Menschen wird vernachlässigt. Wer über Werteverfall, seelische Verwahrlosung und religiöse Überfremdung klagt, hat häufig das Fundament der eigenen religiösen und kulturellen Identität verlassen. Menschen, zumal junge Leute für den christlichen Glauben zu begeistern, wird umso schwieriger, je weniger Menschen öffentlich - und das heißt auch im Gottesdienst – sich zu diesem Glauben bekennen. Ich habe mich immer als Prediger verstanden, aber vielleicht war ich mehr als Gemeindemanager gefragt.

Ein weiteres Stichwort darf nicht fehlen: Das Verhältnis von Kirchengemeinde und Diakonischem Werk. Für mich ist es nach wie vor ein Skandal, dass zwei kirchliche Einrichtungen ohne Not und aus purer Eitelkeit einzelner Personen grob auseinandergerissen worden sind. Die damit zusammenhängenden Verletzungen schmerzen auch nach Jahren noch; es wäre wünschenswert, wenn ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin im Pfarramt - unbefangener als ich das konnte - die Verbindung zum Kindergarten und zum St. Martins-Heim stärken könnte.

Noch ein anderes Stichwort heißt „Gemeindehaus“. Zum Leidwesen vieler Gemeindeglieder und engagierter Kirchenräte ist es nicht gelungen, ein Zentrum für Gottesdienst und Gemeindeleben bei der Kirche zu errichten. Von Anfang an blockierte die Kirchenleitung das Projekt, obwohl es alles vorwegnahm, was jetzt an Gebäudemanagement und Ökologie in den Synoden diskutiert wird. Wir waren wohl unserer Zeit voraus.

Ein letztes Stichwort bezieht sich auf die Verwaltung. Da hat die Kirchengemeinde viel an Selbständigkeit und an Personalstunden verloren. Kürzere Öffnungszeiten des Kirchenbüros und höherer Arbeitsdruck waren die Folge. Die Küsterstunden wurden so massiv gekürzt, dass ein geordneter und zumutbarer Küsterdienst unmöglich geworden ist. Ich als Vorsitzender des Gemeindekirchenrates musste vor Ort umsetzen, was andernorts und gegen meine häufig und laut geäußerte Auffassung beschlossen wurde. Letztendlich haben alle verloren, und es muss jetzt darum gehen, die schlimmsten Fehlentwicklungen zurückzunehmen.

 

Haltepunkte: Das führt zur nächsten Frage: Wie siehst Du die Zukunft der Kirchengemeinde? Was wünschst Du ihr?

 

A. Kahnt: Mit der Zukunft ist das so eine Sache. Zukunft meint ja etwas, was auf uns zukommt. Mit menschlichem Verstand können wir wenig darüber sagen, auch wenn viele Leute das versuchen oder sich Einsicht in die Zukunft wünschen. Als Christen muss es uns reichen zu wissen, dass Christus auf uns zukommt. All unsere Zukunft liegt bei ihm. Wenn sich die Kirchengemeinde Zetel allezeit daran orientiert, was vom Glauben an Christus zu sagen und zu tun ist, hat sie Zukunft. Und zwar eine Zukunft, die dazu befreit, ganz gegenwärtig zu leben und sich dem Notwendigen und vom Glauben her Gebotenen zu widmen. Das ist übrigens keine Frage von Zahlen. Auch eine kleiner werdende Gemeinde kann enorm ausstrahlen. Schöner ist es natürlich, wenn immer mehr Menschen sich auf ihre christlichen Wurzeln besinnen und den Glauben mit Hand und Fuß unter die Leute bringen. Das darf nicht den Pastorinnen und Pastoren überlassen werden. Sie sind nur ein Teil der Gemeinde.

Um die Verkündigung ist es ja in Zetel auch nicht schlecht bestellt. Aber die Diakonie, die christliche Hilfe von Mensch zu Mensch und die Aufmerksamkeit für Menschen am Rande und in besonderen Notlagen braucht noch Unterstützer. Zwar habe ich in all den Jahren dankbar beobachten dürfen, wie nahe sich Menschen in Familien, Nachbarschaften und Freundeskreisen sind, und wie viel gute organisierte Hilfe es gibt, aber es wäre kurzsichtig zu meinen, es gäbe deshalb keine armen, einsamen, traurigen, an ihrer Seele verletzten Menschen in unserer Gemeinde mehr. Ihnen nachzuspüren und unterstützende Netzwerke zu schaffen, wäre eine Aufgabe, für die ich der Kirchengemeinde viele engagierte Menschen wünsche. Und ich wünsche uns einen neuen Gemeindekirchenrat, der – wie der scheidende - das Nötige sieht und das Mögliche tut und auch den Mut hat, sich von etwas zu trennen, was seine Zeit hatte. Und natürlich wünsche ich der Gemeinde einen Pastor oder eine Pastorin, die mit Liebe zu Christus, zur Theologie, zum Gottesdienst, zur Seelsorge und zum Konfirmandenunterricht – und damit also zu den Menschen in dieser Gemeinde tätig wird!

 

Haltepunkte: Eine letzte Frage: Wohin führt Dich Dein weiterer beruflicher wie privater Weg?

 

A. Kahnt: Wie ich eben schon sagte: Mit der Zukunft ist das so eine Sache! Aber absehbar ist folgendes: Ab dem 1. März bin ich mit einem halben Dienstauftrag als Springer für pastorale Dienste im Kirchenkreis Wesermarsch tätig. Das bedeutet, dass ich überall da als Pastor arbeite, wo längerfristig eine Pfarrstelle nicht besetzt ist oder der Stelleninhaber durch Elternzeit, Krankheit, Kur oder ähnliches über einen längeren Zeitraum ausfällt. Wir kennen eine solche Situation ja aus der Kirchengemeinde Bockhorn. Voraussichtlich werde ich zunächst einige Monate in Lemwerder arbeiten, aber ich habe auch schon einen Konfirmationsgottesdienst in Großenmeer übernommen und werde die Konfirmanden anlässlich ihrer Rüstzeit im Blockhaus Ahlhorn kennenlernen. Sobald die Pfarrstellen in den genannten Gemeinden wieder besetzt sind, sehen wir weiter.

Schon seit Ende September bin ich stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland. Meine Aufgaben dort sind sehr vielfältig und führen mich häufig zu Tagungen und Besprechungen in ganz Deutschland und auch im Ausland. Hauptaufgabe des Verbandes ist die Vertretung der Pfarrerinnen und Pfarrer gegenüber den Kirchenleitungen und der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für diese Aufgabe bin ich im Umfang einer halben Pfarrstelle freigestellt.

Beide Aufgaben zusammen verlangen einen Wohnort, von dem aus ich die Gemeinden der Wesermarsch gut erreichen kann und einen Bahnhof in der Nähe habe. Und das wiederum bedeutet, dass meine Familie und ich nicht sehr weit von Zetel wegziehen müssen – was uns wichtig ist, um Freundschaften zu pflegen und um bequem zum Zeteler Markt zu kommen. Meine Kinder haben nämlich gesagt, dass sie nur wegziehen, wenn ich ihnen verspreche, jeden Markttag hierherzufahren. Das Pfarrhaus am Corporalskamp jedenfalls werden wir spätestens verlassen müssen, wenn meine Nachfolge geregelt ist. Wir haben uns in diesem Haus immer sehr wohlgefühlt und wir sind dankbar für gefüllte, schöne Jahre in dieser Gemeinde!

 

Haltepunkte: Andreas, ich danke Dir für dieses Gespräch!

 

Die Fragen stellte Pastor Michael Trippner für das Redaktionsteam des Gemeindebriefes „Haltepunkte“

 

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